Von verlorener Unschuld – André Lepeckis Studie über Tanz und die Politik der Bewegung

Tanz ist die Aufführung von Bewegung. Wir betrachten Menschen dabei, wie sie sich auf eine bestimmte, meistens technisch überhöhte und stilisierte Art und Weise bewegen. André Lepecki hat mit seinem Essayband „Exhausting Dance. Performance and the Politics of Movement“ diese bequeme Gewissheit erschüttert.
Dem Offensichtlichen soll man mißtrauen, das ist die Lehre der abendländischen Philosophie. Aber manche alte Überzeugung bleibt trotzdem über Jahrzehnte unhinterfragt. So nehmen wir es gern als gegeben hin, dass Tanz die Aufführung von Bewegung sei. Die ästhetische Grundbedingung von Tanz sei demnach, dass wir Menschen dabei betrachten, wie sie sich auf eine bestimmte, meistens technisch überhöhte und stilisierte Art und Weise bewegen. So sehen wir zum Beispiel klassisches Ballett oder Jazz Dance oder auch Contact Improvisation. In allen diesen Fällen gibt es ein ästhetisches und formales Modell, eine kulturelle Vorgabe, der sich die Künstler anähneln und die sie verwirklichen. Dadurch erkennen wir ihr Tun als Tanz und können es mit der entsprechenden Sorgfalt betrachten. Vor vier Jahren nun hat André Lepecki von seinem Lehrstuhl an der New York University aus diese bequeme Gewissheit erschüttert. Lepecki ist Performancewissenschafler. Er stammt ursprünglich aus Brasilien, studierte in Portugal Anthropologie, war in vielen Projekten Dramaturg und Kurator. Mit seinem Essayband „Exhausting Dance. Performance and the Politics of Movement“ fasst er alle Zweifel, Vorbehalte und Probleme mit einem affirmativen Bewegungsverständnis des Tanzes zusammen, wie wir es im Westen kennen. 2008 erschien der Band in deutscher Übersetzung.
„Sein zur Bewegung“
Im Mittelpunkt von Lepeckis Analyse steht die Figur des durch seine Fähigkeit zur Selbstbewegung gekennzeichneten Subjekts, das nur sein kann und soll, insofern es aus sich selbst den Anlass und die Energie zur Bewegung findet. In diesem Sinne zitiert Lepecki Peter Sloterdijk, der in Eurotaoismus von einem „Sein zur Bewegung“ als Kennzeichen der Moderne spricht. Sein und Bewegung werden dabei kurzgeschlossen, obwohl sie sich im Grund ausschließen. Denn die philosophischen Kategorien des Seins, des Sinns, der Begriffe und der Bedeutungen bedürfen zu ihrer Wirksamkeit des Statischen. Während die Bewegung das Unstete impliziert. Lepecki spricht daher von einer „ontologischen Instabilität, (...) die (...) die alte Verbindung zwischen Präsenz, Einheit, Sein und Sichtbarkeit aufbricht“ (S. 141), welche am Anfang der Philosophie stehe. Mit solchen Zweifeln an der Stabilität der Diskurse weiß sich Lepecki in prominenter Gesellschaft. Dass es letztlich erst die Bewegung ist, welche das Sein als Gegenstand der Erkenntnis konstituiert und ihr zugleich entzieht, ist Thema auch in Heideggers Vorlesung über die Metaphysik von 1935, auf die sich Lepecki bezieht.
Der aufrechte Tanz
Seit der frühen Neuzeit, dann aber vor allem mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts werde die künstlerische Bewegung des Körpers als ein Paradigma entdeckt, welches weit über die gattungstheoretischen Fragen (etwa Ballett versus Modern Dance) hinausreiche. „Der Drang des Tanzes hin zu einer spektakulären Darstellung wird seine Modernität “ (S. 11), konstatiert Lepecki. Aber geht nicht parallel zur tänzerischen Selbstbewegung jener Prozess der Choreographie einher, der darin besteht, die Bewegungen aufzuschreiben und also ihre fortwährende Abwesenheit zum Gegenstand der Analyse zu machen? In diesem melancholischen Aspekt sieht Lepecki eine zweite Bruchlinie im Blick auf Tanz und Bewegungskunst. Denn ebenso wie die kinetische Definition – „Tanz ist Bewegung in Zeit und Raum“, postulierte Cunningham – sei auch die topographische Definition kritisch zu untersuchen. Warum kann Tanz nur in der Vertikalen stattfinden, und warum nur auf besonders zugerichteten, planen Flächen? Ist nicht das ständige Aufgerichtetsein (im Original nennt Lepecki das „erectility“) von Körpern, die sich im Modus des Tanzes befinden, bereits eine kritisierbare Vorgabe?
Neue Möglichkeiten
Lepecki unternimmt mit solchen avancierten Überlegungen den Versuch, die Fragen des Tanzes und der choreographischen Gestaltung vom Ästhetischen abzulösen und in ihrer philosophischen Tragweite zu erfassen. Dabei ist das Politische stets mitzudenken, denn jede Erscheinung eines Körpers in einem bestimmten Kontext geht auf Übereinkünfte, Konflikte und Vorbedingungen zurück, denen man sich unterwerfen, die man aber auch aufdecken oder zumindest thematisieren kann. „Die Auseinandersetzung mit dem Choreographischen jenseits der eigentlichen Grenzen des Tanzes ermöglicht die Ausweitung der Tanzwissenschaft über ihr privilegiertes Analyseobjekt hinaus; es ist die Aufforderung an die Tanzwissenschaft, andere künstlerische Felder zu betreten und neue Möglichkeiten zu entwickeln, das Verhältnis zwischen Körpern, Subjektivität, Politik und Bewegung zu denken.“ (S. 13) Diese „Option Tanz“ erläutert Lepecki am Werk mehrerer zeitgenössischer Performancekünstler und Choreografen und ihrer widerständigen Arbeiten: Jérôme Bel und Vera Mantero, Juan Dominguez und Xavier Le Roy, Trisha Brown und Bruce Nauman sowie William Pope.L. In der Auseinandersetzung mit ihrem Werk entfaltet Lepecki seine Fundamentalkritik am aufrechten Tanzen und am Zwang zur Bewegung, an den Strategien der Darstellung und an der nachkolonialen Zurüstung der Orte für den Tanz. Lepecki weist mit „Option Tanz“ darauf hin, dass die künstlerische Bewegung mit ihrem Verlangen nach bestimmten Räumen immer schon eine ethische und politische Dimension aufruft. Der Tanz hat mit seinem Eintritt in die Moderne ganz offenbar seine Unschuld verloren.
ist Tanzwissenschaftler, Publizist und Kritiker. Wissenschaftliche Projektmitarbeit am Tanzarchiv Leipzig e. V. und am Centre National De La Danse, Frankreich. Seit 2006 Mitglied in der Arbeitsgruppe zur Entwicklung des Studiengangs „Zeitgenössischer Tanz, Kontext, Choreografie“ im Rahmen des Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz Berlin. 2007 bis 2013 Forschungsgruppenleiter am Collège International de Philosophie in Paris.
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Januar 2010
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